Dies ist ein Experiment. Anstatt hier nur das Endergebnis des Schreibprozesses zu präsentieren, werde ich in eckigen Klammern jede technologische Ablenkung dokumentieren, die mich am Schreiben gehindert hat. Denn wir sind nicht die Generation X, Y oder Z. Wir sind die Generation ADS. Diagnose: Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom durch akute kommunikative Reizüberflutung.
[Itunes Playlist geändert, zu Klassik kann ich nicht schreiben.]
Es geht um das schwarze Zeitloch, das sich durch DSL-Leitung und UMTS ständig um uns herum auftut: Facebook, Twitter, Failblog und alle anderen Kanäle, über die meine Zeit entfleucht.
[Jeff Jarvis twittert: "What would Hoff do? http://bit.ly/2IzvGp". Ich hätte meinen Twitter-Client abschalten sollen.]
[Heiko und Jeff Jarvis twittern etwas, was ich bemerke, aber geflissentlich ignoriere. Twitter-Client ist jetzt minimiert, läuft aber noch. Wo war ich?]
Wie war das eigentlich früher, so vor einer Schreibmaschine? Wenn man da nicht mehr weiter wusste, hat man dann angefangen aufzuräumen und die Fenster zu putzen? Oder sich Kaffee gekocht? Hat sich mit der Digitalisierung unseres Arbeitsplatz, der jetzt auch gleichzeitig Entertainment-Station, Lebenshilfeanlaufstelle und Kommunikationszentrum ist, auch die Wahrnehmung unserer Umwelt verändert?
[Lasse ich The Whitest Boy Alive jetzt mal laufen, oder nicht? Laufen lassen. Der Freitag muss auch etwas zur Lage der Twitter-Nation beitragen, ich schaue gezielt weg.]
Wie sieht die Welt ohne andauernde Tweets, SMS, E-Mails und computergenerierter Nachrichten über den Systemzustand aus?
Dazu müsste man mal vom Always-On- in den Always-Off-Modus wechseln. Müsste man.
[Herr Schmitz twittert: "These: Eine Stadt, in der man keinen Lamy 2000/201 kaufen kann, ist eine kulturlose Stadt. #Berlin". Das war's, der Twitter-Client ist aus. Kurz mal den Fortschritt des Torrent-Downloads gecheckt. Läuft.]
Das Problem: Wir wickeln soviel unseres Alltags über Computer ab, das Umkehr keine Option ist. Beginnen wir mit einer Systematisierung der Ablenkungskanäle. Information Is Beautiful schlägt folgende Hierarchisierung vor (einmal klicken für eine vergrößerte Version):
Iphone schlägt Twitter-Retweet schlägt Facebook-Freundschaftsanfrage schlägt Ebay-Auktion schlägt E-Mail. Und unsere Arbeit ist immer der Verlierer. Hoffentlich können wir die vielen Facebook-Stunden durch unsere gesteigerte Effizienz im Vergleich zu Vorgänger-Generationen wettmachen. Was natürlich die Abhängigkeit vom großen Timesuck Internet nur wieder erhöht.
[Ein ganzer Absatz one Unterbrechung, Wahnsinn! Gut, ich hab das Fenster aufgemacht, aber das zählt nicht.]
Das Problem wird exponentiell gesteigert durch mobile Internet-Anbindungen.
[Wordpress sagt: "Entwurf gespeichert um 14:52:16"]
Schonmal einem Freund gegenüber gesessen, der sich mit dem Kinn auf die Brust geklemmt nickend am Gespräch beteiligt, die Augen starr unter die Tischkante gerichtet, wo auch seine Arme verschwinden? Iphoneritis. Irgendwo in der Welt könnte etwas wichtiger sein als diese Unterhaltung hier gerade. Vielleicht hat SpOn die Startseite geändert. Hat schon jemand meinen letzten Facebook-Post mit einem Daumen hoch versehen? Was bleibt einem da als aufzustehen, nach Hause zugehen, und sich über IM mit seinen Freunden zu unterhalten, one chat message at a time?
[Kurz bei Leo nachgeschaut, kann man das eigentlich stimmig übersetzen? Anscheinend nicht.]
Wann habe ich das letzte Mal ein Buch gelesen, also so von vorne bis hinten, an einem Stück? Kann ich das überhaupt noch?
[Der Torrent braucht noch 42 Minuten. Vier Freunde sind online auf Skype, einer davon teilt per Status mit: "The World is going round..." Interessant.]
Unser Alltag zerfällt in kleine Stücke, in Kommunikationshappen. Da mal ein Status-Update, hier mal eine SMS, zwischendurch ein Absatz Wikipedia.
[Keine ungelesenen E-Mails im Postfach.]
Stringenz Fehlanzeige. Ich frage mich: Gibt es Weisheiten, die man nicht in 140 Zeichen verpacken kann? Falls ja, wie wird sich die Generation ADS zukünftig damit auseinandersetzen, wenn alle Nachrichten über einer Minute unter das Wahrnehmungsradar abtauchen? Die Konvergenz hat echte Tücken.
[Kurze Browsing-Session, wir wollen doch wissen was der Hoff tun würde, nicht wahr?]
Hoffentlich wachsen wir mit den Anforderungen. Momo ist schließlich auch mit den grauen Herren fertig geworden, die die Zeit stehlen wollten. Und jetzt mal ehrlich: Wer hat diesen Text ohne Unterbrechung von Anfang bis Ende gelesen? Was zu beweisen war.













30.11.2009by Zen und die Kunst des Schreibens | STYLE LEAGUE - BOYS DON'T CRY
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