Eine meiner bleibendsten Erinnerungen an die WM 2006 ist nach wie vor, wie beim „semi-public”-Viewing des Viertelfinals gegen Argentinien wirklich alle der über 100 anwesenden Leute aus vollster Kehle in ein inbrünstig vorgetragenes „Beckmann, du Arschloch!” einstimmten. Auch bei späteren Gesprächen mit Freunden, die das Spiel in anderer Runde verfolgt hatten, war der Halbfinaleinzug - übertrieben gesprochen - fast schon nebensächlich. Neben dem denkwürdigen Elfmeterschießen war Gesprächsthema Nr. 1 die noch denkwürdigere „Leistung” von Reinhold Beckmann.
Auch bei der WM 2002 gab es massivste und, viele werden sich erinnern, mehr als berechtigte Fanproteste gerichtet an die ARD, verbunden mit der Forderung, Heribert Faßbender bloß nie wieder ein Spiel kommentieren zu lassen. Und so langsam frag ich mich, ob es nicht vielleicht sogar Kalkül der Sender ist, die Massen - nicht nur bei oben genannten Großereignissen, sondern selbstverständlich auch in der Bundesliga, ja selbst bei jedem belanglosen Vorbereitungsspiel - durch z.T. höchst ärgerliche Berichterstattungen aufzustacheln; frei nach dem Motto: Jeder Emotionsausbruch beim Zuschauer, ist gute Publicity. (Wobei die ARD im Falle Faßbenders natürlich öffentlich und sichtlich zerknirscht zugeben musste, zu weit gegangen zu sein.)
Hin und wieder, wenn auch selten, kommt es vor, dass ich mir ein Spiel alleine zu Hause vor dem Fernseher anschaue. Dabei werden weder Tore euphorisch bejubelt, noch Fehlentscheidungen oder nicht nachvollziehbare Auswechslungen erregt kommentiert - was beim Fußballabend mit Freunden selbstverständlich non-stop der Fall ist. Einzige Gefühlsregung ist ein zufriedenes Nicken, ein resignierendes Kopfschütteln, vielleicht mal ein erleichterter Seufzer oder wenn’s hochkommt ein verärgert herausgepresstes: „Maaaaann!” Ein Feuerwerk der Emotionen wird bei mir beim Fußballabend in den eigenen vier Wänden also eher nicht abgebrannt.
Bei wiederholt und penetrant zur Schau gestellter Unfähigkeit der Kommentatoren erwische ich mich jedoch immer wieder dabei, wie ich, wenn die Schmerzgrenze des noch tolerierbaren Blödsinns überschritten wurde, anfange, den Fernseher zu bepöbeln. Ein „Mann, Du Vollhorst! Der Schiri hat ja auch nicht Abseits gepfiffen, sondern Hand!!!” folgt gerne mal der in schöner Regelmäßigkeit getätigten Aussage von Kommentatoren, dass sie auch nach mehrmaliger Betrachtung der Zeitlupe zu der Erkenntnis gelangt seien, dass der Stürmer nie und nimmer im Abseits gestanden habe; stolz wie Bolle verkünden sie dann: „Oh, das ist bitter! Eine glasklare Fehlentscheidung!”
Auch Aussagen aus der Kategorie „In dieser Zeitlupe ist nicht eindeutig zu erkennen, was passiert ist, aber wenn Sie ganz genau hinschauen, können Sie erkennen, wie der Spieler mit dem linken Fuß umknickt”, während der angesprochene Spieler sich schmerzverzerrt sein rechtes Knie hält und auch ohne Zeitlupe zu erkennen war, dass er sich dieses unglücklich im Laufduell verdreht hat, lasse ich nicht einfach so auf mir sitzen: „NEEEEIN, Mann!!! Komm ma’ klar, du Eiernacken!” bekommt mein Fernseher dann zu hören - mit Sachen beworfen habe ich das arme Ding immerhin noch nie…
Erfrischend aber leider viel zu selten sind Entschuldigungen von Kommentatoren, nachdem Sie hinter den Kulissen auf unterlaufene Fehler aufmerksam gemacht worden sind. Wie sehr würde es die erhitzten Gemüter beruhigen? Wie einfach wäre so Manches klarzustellen? Z.B. so: „Mir wurde soeben mitgeteilt, dass gerade nicht Schweini, sondern Zé Roberto die Ecke getreten hat. Sorry!” „Kein Ding, Digga, kann ja mal vorkommen. Peinlich, aber schön dass du’s richtig stellst!” würden dann einige Fernseher zu hören bekommen, aber an die denkt ja wieder mal keiner.
Oder geht es nicht vielleicht gerade doch um die absichtliche und systematische Provokation der Zuschauer - insbesondere derjenigen, die sich ein Spiel mal alleine anschauen (müssen)? Der Kommentator, ein freiwilliger Sündenbock, Träger einer selbst auferlegten Bürde? Am Ende gar quasi ein Erlöser all derer, die sich ein Spiel mal nicht mit Freunden in der Kneipe anschauen, wo sie sich mit den übrigen Gästen hitzige Debatten liefern könnten?
Unverdrossen geben die tapferen Kommentatoren eine Dummheit nach der anderen von sich, reden sich um Kopf und Kragen, setzen immer noch einen oben drauf; und das unter kompletter Außerachtlassung der Konsequenzen für die eigene Person: „Lieber lasse ich mich für den Rest meiner Tage als Stümper, Vollpfosten und Labersack beschimpfen, als dass auch nur eine arme Seele alleine vor dem Fernseher sitzt und sich nicht anständig aufregen kann, wie sich das bei einem guten Fußballspiel nun mal gehört!” Solche oder ähnliche Gedanken könnten diesen Helden der Neuzeit durch den Kopf gehen, während sie sich in der Halbzeitpause vor Augen führen, was sie da schon wieder verzapft, wenn nicht sogar verbrochen haben. Vielleicht denken sie aber auch ganz einfach: „Mann, bin ich geil!”
Tja, endgültig lösen lässt sich dieses Rätsel wohl nie - auch nicht in Zeitlupe. Aber als jemand, der dazu tendiert, an das Gute im Menschen zu glauben, kann ich nur sagen:
Danke, ihr Trottel! Aber ganz ehrlich: übertreibt’s doch bitte nicht immer so maßlos!
P.S.
Gerne wäre ich live am Fernseher dabei gewesen, als vor einigen Jahren Gerd Rubenbauer völlig ungläubig ausrief: „Jetzt wechselt Jamaika den Torhüter aus!” Tatsächlich wurde am Spielfeldrand lediglich die einminütige Nachspielzeit angezeigt…











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